Als ich über die Ergebnisse der ersten PISA-Studie der OECD las, und während die ganze deutsche Nation in einen kollektiven Aufschrei wegen der schwachen Leistungen deutscher Schüler im Vergleich zu anderen Ländern verfiel, fiel mir vor allem eines auf – Das deutsche Schulsystem sei Schlußlicht bei der Fähigkeit, soziale und Herkunftsunterschiede auszugleichen.
Ein erschreckendes Ergebnis, das dennoch weitgehend unbemerkt blieb. Jedenfalls bis zum 15. Mai, als eine Neuauswertung der PISA-Daten vorgestellt wurde, die sich ausschließlich der Frage der Erfolgschancen der Schüler mit Migrationshintergrund widmet.
Seit 50 Jahren lebt in Deutschland einen nicht zu vernachlässigen Anteil von Ausländern und seit 50 Jahren bevölkern die Migrantenkinder mehrheitlich die Hauptschulen des Landes.
Dieser Dauerzustand lässt aus meiner Sicht zwei Rückschlüsse zu – entweder sind Migrantenkinder weniger intelligent als deutsche Kinder oder das hiesige Schulsystem weist beträchtliche Mängel auf.
Ende des 19.-Anfang des 20. Jahrhunderts, als der biologische Determinismus die Wissenschaft prägte, hätte man vorbehaltlos die erste These angenommen. Und anhand der Tatsache, dass dieser Zustand in Deutschland über 5 Jahrzehnte hinweg als "normal" akzeptiert wurde, ohne etwas zu hinterfragen, stellt sich natürlich die Frage, ob der biologische Determinismus vielleicht hier noch quicklebendig ist – Doof bleibt doof, und da der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, können die Sprößlinge der türkischen, griechischen oder spanischen Bauern, die nach Deutschland gekommen sind, weil sie nicht intelligent genug waren, um sich in ihren jeweiligen Ländern das Brot zu verdienen, nur genauso doof sein wie ihre Vorfahren.
Da ich aber den biologischen Determinismus für überholt halte, finde ich, dass es sich lohnt, in dieser Beziehung einen näheren Blick auf das deutsche Schulsystem zu werfen. Wodurch zeichnet sich das deutsche Schulsystem aus? Im wesentlichen durch die späte Einschulung der Kinder ohne Pflichtvorschule, durch die frühe Trennung der Kinder und durch die geringe Anzahl an Unterrichtsstunden, besonders in der Grundschule.
Das erste Merkmal schafft schon die ersten Unterschiede – dadurch dass vor der Grundschule keine Pflichtform von Vorschule oder Kindergarten gibt, sind die Voraussetzungen der Kinder, die frühestens mit 6 eingeschult werden, äußerst unterschiedlich. Kinder, die bis dahin über kaum Kenntnisse der deutschen Sprache verfügen, kommen von Anfang an nicht mit.
Die frühe Trennung der Kinder wiederum erhöht nur den Druck – da die Bildung der Kinder erst mit der Einschulung beginnt, aber gleich nach vier Jahren die große Entscheidung getroffen wird, verwandelt sich die Grundschule in einen richtigen Druckkessel, was Leistung anbelangt. Die Kinder, die bis dahin mit Lernen nichts zu tun hatten, müssen sich von heute auf morgen in Leistungsmaschinen verwandeln. Und da ist keine Zeit, um evtl. vorhandene Defizite aufzuholen. Wer nicht vom Anfang an optimal vorbereitet ist, fällt einfach durch. Noch dazu kommt, dass sich im Alter von 10 Jahren zu viele Dinge noch nicht festgesetzt haben, um zu diesem Zeitpunkt die wichtigste Entscheidung in der schulischen Laufbahn eines Kindes zu treffen.
Die geringe Anzahl von Unterrichtsstunden, besonders in der Grundschule, war auch Teil der Ergebnisse der ersten PISA-Studie. Als Begründung habe ich häufig gehört, dass eine größere Anzahl von Unterrichtsstunden eine zu hohe Belastung für die Kinder darstellen würde. Wenn man sich aber die Realität anschaut, kann man nur zu dem Schluß kommen, dass das ein Scheingrund ist. Auf der einen Seite gibt es mehrere Länder, wo die Kinder 30 Unterrichtsstunden pro Woche absolvieren, ohne dass man deswegen Folgeschäden festgestellt hätte. Auf der anderen Seite kriegen auch manche Kinder hier mehr Unterrichtsstunden – bloß nicht in der Schule, sondern zu Hause. Dadurch dass die Inhalte, die gelernt werden müssen, umfangreich sind, aber in der Schule wenige Stunden zur Verfügung stehen, um sie den Kindern optimal beizubringen, müssen am Nachmittag noch ein paar Unterrichtsstunden her, wenn man nach der vierten Klasse eine gute Empfehlung für die weiterführende Schule kriegen soll – eine Aufgabe für die Vollzeitmütter, die sich nachmittags in Zweitlehrer verwandeln sollen, um ihren Kindern die Materie zu erklären, die in der Schule nicht ausreichend vertieft wurde. Pech, wenn zu Hause keine Vollzeitmutter hockt, wenn die Vollzeitmutter nicht genug gebildet ist oder sie ist zwar gebildet, beherrscht aber die deutsche Sprache nicht im ausreichenden Maße. Das deutsche Schulsystem verlagert also ein Teil seiner Aufgaben an die Eltern und bewertet dementsprechend eher den Hintergrund der Eltern als die Fähigkeiten der Schüler.
Wen wundert es dann, dass sich, im Gegensatz zu dem, was in anderen Ländern geschieht, die Verteilungsmuster nie ändern?
® Mageritensix
Mehr zum Thema:
Der Bericht über die OECD-Studie befindet sich in www.pisa.oecd.org (vollständiger Bericht auf Englisch, 10-seitige Zusammenfassung auch auf Deutsch und Französisch vorhanden).